Was ist Kijutsu?

Ki und Kijutsu - Mystik und Praxisbezogenheit des KI

Autor: Hanns von Rolbeck
Veröffentlicht in "Karate" Ausgabe 02/1995

Durch Mönche wurde aus Indien über China die Vorstellung einer Universalenergie (CHI) gebracht. In China entstand unter anderem das berühmte TAI-CHI.(landläufig als “Schattenboxen” bezeichnet). In letzter Zeit bemüht sich die psychosomatische Medizin zunehmend um Übungen aus dem TAI-CHI, da sich in der Suche nach dem Selbst eine sehr grosse therapeutische Kraft verbirgt. Die Eigenerfahrung des Menschen in entsprechenden Übungen führt zu größerer Toleranz und Ausgeglichenheit sowohl gegen sich selbst als auch im Umgang mit den Partnern.

 

In Japan hat der Begriff KI den gleichen Inhalt wie das CHI, geläufig ist bei uns dabei das AI-KI-DO, in dem die zentrale Bedeutung des KI leider oft durch Technik so überdeckt wird, dass es nicht mehr zu finden ist.

 

In den japanischen (und natürlich auch den chinesischen) Kampfkünsten (BU-DO) wird zuerst und als Hauptantrieb ein neuer Weg – DO – vom Schüler gesucht, um das Leben zu meistern und über die Angst vor dem Tod hinwegzukommen.

Am Rande allen Suchens in den verschiedenen BUDO-Arten wird der Schüler zum Meister, und er ist im KI, er hat KI, er ist KI.

 

Ein großes Energiepotential verkümmert

 

Der Ki-Erfahrene ist in der Lage, die Situation im Alltag in einer Art und Weise zu meistern, die für Außenstehende Partner nicht nachvollziehbar ist. Er geht durch die Situation und sucht nicht die Auseinandersetzung mit ihr.

 

Dabei haben wir alle erfahren, daß ein Säugling schwerer zu sein scheint, als es das Gewicht vermuten läßt. Ein Kind hat die Fähigkeit, Gegenstände, z. B. eine Puppe so zu halten, dass man sie nur unter großer Mühe dem Kind wegnehmen kann. Das Wiederfinden dieser Fähigkeiten in allen Situationen ist im KI möglich. Im Gegensatz zu den mehr mystischen Vorstellungen der Japaner – das KI komme aus dem Weltall – habe ich in den letzten Jahren bei meiner Suche nach dem KI-Phänomen eine andere Erklärung gefunden: Je nach persönlicher Veranlagung und Ausbildung neigt der Mensch dazu, einzelne Möglichkeiten von sich (z. B. Muskeln, Beweglichkeit, Phantasie etc.) zu bevorzugen und läßt deshalb ein großes Energiepotential verkümmern.

 

KI versteht man nur durch die Erfahrung in der Übung

 

In der neuen KI-Vorstellung wird nun verlangt, daß die drei “Komponenten” des Menschen

Körper (als Bewegungsanteil)

Geist (Gehirn, denkend und lenkender Anteil)

Seele (das “Unfaßbare” in uns, die Phantasie)

GLEICHWERTIG und GLEICHZEITIG bei einem beliebigen Vorgang im Menschen (Meister) wirksam werden. Dieses bedeutet, dass jeweils nur das Notwendigste von den drei Komoponenten “gemacht” wird – modern ausgedrückt geht der KI-Meister sehr sparsam oder wirtschaftlich mit seinem Gesamtpotential um.

 

Für einen Angreifer geschieht dann das Überraschende, dass er seine eigene Aggressivität an sich selbst erfährt, da sie vom KI-Meister reflektiert wird. KI kann man nur durch die Erfahrung in der Übung verstehen, damit möchte ich sagen, dass durch Worte nur der geistige jedoch nicht der seelische oder körperliche Zugang möglich ist, wie beispielsweise eine Musik nicht die Folge von Noten oder ein Gedicht die Summe von Buchstaben sind. Der KI-Übende kann vom Angreifer/Partner zwar angefaßt werden, aber er wird innerlich (in seiner Gesamtpersönlichkeit) nicht ergriffen. So wird er im wahrsten Sinn spielerisch mit einem Angriff fertig. Die Leistungsfähigkeit ist ungewöhnlich und beträgt bei einigen Übungen mehr als das zehnfache des eigenen Körpergewichts.

 

Nur “durchlebte” Übungen können weitergegeben werden

 

Nicht die eigene Größe, das Gewicht, der Muskelquerschnitt oder das Geschlecht sind für den “Erfolg” ausschlaggebend, sondern das Selbstverständnis im Tun und Geschehenlassen. Im japanischen KYUDO (Bogenschießen) sagt man: “ES SCHIESST”, so ist es auch im KI und KIJUTSU – man läßt “ES” - das KI geschehen.

Die KI-Übungen geschehen normalerweise vorwiegend passiv, das heißt, der KI-Übende wird vom Partner in eine Situation gestellt und sollte mit dem geringsten Aufwand diese lösen.

Eine wesentliche Voraussetzung dabei ist es, daß der Partner seine Kraft als statische (ruhende) Energie auf den KI-Übenden wirken läßt und nicht die Situation z. B. durch Reaktion verändert. Jede zusätzliche Tätigkeit seitens des Partners würde den Übenden ablenken und ihn so an der Eigenerfahrung hindern. Nur selbsterfahrene und wirklich “durchlebte” Übungen können an andere Personen weitergegeben werden.

Gerichtete Angriffe auf den Übenden durch den Partner oder mehrere Personen sind im Rahmen eines fortschrittenen Ausbildungsniveaus möglich – im KI-JUTSU.